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Autor Thema: Prähospitale Transfusionen
frameck
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ID # 473


  Erstellt am 31. August 2019 16:30 (#1)  |  Zitat Zitat   PN PN   E-Mail E-Mail
Hat jemand Erfahrungen mit bzw. Meinungen oder Erkenntnisse zu prähospitalen Transfusionen. Gemeint ist hier speziell das Vorhalten von Blutprodukten im Rettungsdienst für Einsätze bei manifestem hämorrhagischen Schock?

Beiträge: 2 | Mitglied seit: August 2019 | IP-Adresse: gespeichert
tfrietsch
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ID # 24


  Erstellt am 01. September 2019 18:45 (#2)  |  Zitat Zitat   PN PN   E-Mail E-Mail
Lieber Forumnutzer,
Die spezielle traumatische Koagulopathie würde eine sinnvolle Indikation darstellen, da jede Verkürzung der Zeit mit Blutverlust die Überlebenschance erhöht. Es vergeht (wie in Studien nachgewiesen) auch nach unseren Daten und Erfahrungen zu viel Zeit im Krankenhaus , bis der Patient mit gerinnungsaktiven Präparaten therapiert wird.
Die IAKH hat in der Sektion Hämotherapie der DIVI angeregt, den Einsatz von Tranexamsäure, Prothrombinkomplex und lyophilisiertes Plasma im prähospitalen Einsatz als kontrollierte Studie zu untersuchen. Die Erforschung zusammen mit der Sektion Trauma der Divi erfolgt zur Zeit und neuere Ergebnisse sind meines Wissens für die nächste Konferenz im Dezember in Hamburg zu erwarten.
Das betrifft allerdings lediglich Tranexamsäure. Die beiden anderen universal einsetzbaren Gerinnungsprodukte können aus organisatorischen und logistischen Gründen nicht realistisch vorgehalten und deshalb auch nicht erforscht werden.
Für den mobilen Einsatz der Point-of-Care- Gerinnungsdiagnostik sind in vielen Rettungswegen die zur Verfügung stehenden Zeiten und Ressourcen zu gering, aber der frühe Einsatz einer solchen schnellen Diagnostik im Trauma wird von der IAKH unbedingt empfohlen.
Im Krankenhaus propagieren wir die Vorhaltung einer Notfallbox für den Schockraum oder die Notaufnahme, die 4 Null-neg-EKs, lyophilisiertes Plasma, 2g Fibrinogen und 15 -1600 E. PPSB enthält.
Zu den Literaturangaben die diese Forderungen belegen, können wir uns sicher im Bedarfsfall kurzschließen.

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Prof Dr. med. Thomas Frietsch
1. Vorsitzender der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft
für Klinische Hämotherapie IAKH e.V.
Anästhesiologie und Intensivmedizin
Mannheim

Beiträge: 222 | Mitglied seit: Dezember 2003 | IP-Adresse: gespeichert
tfrietsch
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ID # 24


  Erstellt am 21. Dezember 2019 16:51 (#3)  |  Zitat Zitat   PN PN   E-Mail E-Mail
Die deutsche Luftrettung DRF als Organisation der Notarzt-Hubschrauber betreibt bereits den präklinische Einsatz von Erythrozytenkonserven, und auch auf einzelnen Notarzteinsatzfahrzeugen bzw. Rettungsdienst- Wagen werden die Blutprodukte bereits mitgeführt. Die Publikumswirksamkeit der ersten Einsätze ist beträchtlich (siehe auch (https://m.drf-luftrettung.de/de/leben/aktuelles/erstmalig-leben-dank-blutkonserven-bord-gerettet), sie hat der Initiative viel Aufmerksamkeit verschafft. Wir stehen diesem Vorhaben im Grunde genommen noch abwartend gegenüber.
In manchen Versorgungsgebieten mit langen Transportzeiten ist ein Mitführen von Blutkonserven und Gerinnungsprodukten eventuell wichtig, um frühzeitig die Traumakoagulopathie zu minimieren. Das sollte (und wird unseres Wissens auch) sauber durch eine Anwendungsbeobachtung begleitet werden.
Durch die entsprechenden Medienplatzierungen der Information über die prähospitale Verfügbarkeit von Blutprodukten ist aber zu befürchten, dass ein gewisser Druck auf alle Luft- und eventuell bodengebundene Rettungsstationen entsteht, die Mitführung von Blutprodukten zu überdenken. Wenn man immer häufiger in führenden Tageszeitungen lesen kann, dass der polytraumatisierte Patient ?nur durch die Bluttransfusion des Rettungshubschrauberteams überleben konnte?, wird der Öffentlichkeit bald nur schwer zu erklären sein, warum es verstorbene Traumapatienten gibt, die keine Transfusion bekommen haben.
Der Vorstand der IAKH hat zusammen mit der DIVI Sektion Hämotherapie und Hämostaseologie Kontakt aufgenommen zu den Verantwortlichen bei der DRF als auch zur DGINA, der Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) e.V. Der ärztliche Leiter der DRF Dr. J. Braun wird das Programm auf unserer Jahrestagung vorstellen.
Informieren Sie sich und nehmen Sie Teil an dieser Forumsdiskussion.

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Prof Dr. med. Thomas Frietsch
1. Vorsitzender der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft
für Klinische Hämotherapie IAKH e.V.
Anästhesiologie und Intensivmedizin
Mannheim

Beiträge: 222 | Mitglied seit: Dezember 2003 | IP-Adresse: gespeichert
tfrietsch
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ID # 24


  Erstellt am 02. Januar 2020 12:25 (#4)  |  Zitat Zitat   PN PN   E-Mail E-Mail
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die transfusionsmedizinischen Aspekte der Therapie mit Blutprodukten in der präklinischen Rettungsmedizin sehe ich eher unkritisch, da auch diese Bereiche dem Transfusionsgesetz und den Richtlinien Hämotherapie unterliegen. Ich gehe bislang davon aus, dass die Kolleginnen in der Luftrettungsmedizin eher erfahrenere Kolleg*innen sind, die die Transfusion korrekt vornehmen und auch die Indikationen genau kennen. In dieser Situation kann dann beim Patienten mit schwerer Hämorrhagie die Gabe von EKs sehr sinnvoll sein, bevor mit Volumenersatzmittel eine Hämodilution und ggfs. Auch noch eine Dilutionskoagulopathie erzeugt wird. Ich gehe davon aus, dass die meisten Kolleg*innen hier ähnlich denken, aber auch die berechtigten Bedenken von Patrick Meybohm mittragen, der die Gabe von Blutprodukten als einen Therapiebaustein neben anderen lebensrettenden Maßnahmen sieht, was man nur unterstreichen kann.

Ich finde die Zusammensetzung der Blutprodukte eher problematisch: hier würde ich deutlichen Verbesserungsbedarf in Richtung von Fibrinogenkonzentrat sehen, wenn man hämostaseologisch wirksam werden möchte und nicht nur Volumenersatz betreiben möchte. Dies macht allerdings die Einrichtung eines Plasmaderivatedepots auf der Luftrettungswache erforderlich, welches aber nur mehr oder minder ein logistisches Problem darstellen sollte.
Ich habe zu diesem Thema eine Anfrage in den AK Blut des BMG eingebracht, kann aber jetzt schon sagen, dass die Vorhaltungen in Mannheim und Greifswald von den versorgenden transfusionsmedizinischen Instituten wissenschaftlich begleitet und Daten erhoben werden.

Zudem höre ich auch, dass nicht nur luftgestützte Rettungsmittel mit Blutprodukten ausgestattet werden, sondern auch NEFs und NAWs. Dies erscheint mir bei der wesentlich höheren Frequenz der Einsätze ein deutlich größeres ?Problem? zu sein.


Christian von Heymann

_____________________________________
Prof. Dr. med. Christian von Heymann, DEAA
Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin,
Notfallmedizin und Schmerztherapie
Vivantes Klinikum im Friedrichshain
Landsberger Allee 49
DE-10249 Berlin
Germany

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tfrietsch
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ID # 24


  Erstellt am 11. Januar 2020 20:06 (#5)  |  Zitat Zitat   PN PN   E-Mail E-Mail
Durch die entsprechenden Medienplatzierungen der Helikopter mit Blutprodukten (z.Zt. meines Wissens Mannheim, Greifswald und Duisburg) entsteht mittlerweile ein gewisser Druck auf alle Luftrettungsstationen, die Mitführung von Blutprodukten zu überdenken. Wenn man z.Zt. in führenden Tageszeitungen regelmäßig lesen kann, dass der polytraumatisierte Patient ?nur durch die Bluttransfusion des Rettungshubschrauberteams überleben konnte?, wird der Öffentlichkeit bald nur schwer zu erklären sein, warum es verstorbene Traumapatienten gibt, die keine Transfusion bekommen haben?
Eine Rückführung von der emotionalen und öffentlichkeitswirksamen Diskussion auf eine wissenschaftlich fundierte Ebene ist dringend notwendig und sollte beispielsweise von der DIVI Sektion Hämotherapie betrieben werden. Dabei sind Initiativen zur Mitführung von Blutprodukten auf Rettungshubschraubern sicher nicht abzulehnen, sollten jedoch in ihrer Bedeutung hinsichtlich der Trauma-Mortalität realistisch betrachtet werden.

Herzliche Grüße,

Georg Rohe


Dr. med. Georg Rohe DESA EDIC
Oberarzt d. Universitätsklinik f. Anästhesiologie / Intensivmedizin / Notfallmedizin / Schmerztherapie
Klinikum Oldenburg AÖR
Medizinischer Campus der Carl v. Ossietzky - Universität Oldenburg
Rahel Straus - Str. 10
26133 Oldenburg
Tel.: +49-441-4032571 (Sekretariat)
Fax.: +49-441-4032655
rohe.georg@klinikum-oldenburg.de
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