Tranexamsäure erst später? Nein, jede 15 min verringern das Überleben um 10%!

15.01.2018 07:26

Gayet-Ageron A et al. Effect of treatment delay on the effectiveness and safety of antifibrinolytics in acute severe haemorrhage: a meta-analysis of ... Lancet. 2017 Nov 7. pii: S0140-6736(17)32455-8. doi: 10.1016/S0140-6736(17)32455-8

Kann man den Einsatz von Tranexamsäure erst einmal abwartend aufschieben, bis die Entwicklung der Blutung absehbar ist? Zumal das Medikament ja eigentlich auch nicht für diese Indikationen (Trauma und postpartale Blutung (PPH)) zugelassen ist? Die im Lancet jetzt veröffentlichte Meta-Analyse der Daten von über 40 000 Patienten aus kontrollierten Studien behandelte 1408 Todesfälle, die durch Blutungen verursacht waren. Die Daten stammten hauptsächlich aus großen Studien über 1000 Teilnehmern, im speziellen der CRASH-2-Studie (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23477634, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20554319) und dem WOMAN-Trial (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28456509). Davon ereigneten sich 63% der Todesfälle innerhalb von 12h nach Einsetzen der Blutung beziehungsweise 2-3h nach Entbindung bei PPH.

Tranexamsäure erhöhte das die Überlebensrate (Odds Ratio [OR] 1.20, 95% CI 1.08-1.33; p=0.001), während die verzögerte Behandlung den Effekt auf die Überlebensrate hochsignifikant schmälerte (p < 0.0001). Sofortige Behandlung verbesserte die Überlebenschance um 70%  (OR 1.72, 95% CI 1.42-2.10; p < 0.0001)! Der Überlebensvorteil verringerte sich innerhalb der ersten 3h um 10% für jedes Intervall von 15 min!

Gefäßverschlüsse traten in keinem der Studien im Zusammenhang mit der Behandlung auf: Die Rate an Myokardinfarkten, Lungenembolien, zerebralen Ischämien und Thrombosen war in den Behandlungsgruppen nicht höher.

Obwohl der Todeszeitpunkt in Stunden nach dem Beginn der Blutung nur in den Daten zur PPH erfasst worden war, zeigte die Datierungen der traumabedingten Todesfälle die gleiche Charakteristik wie die der PPH und anderer schwerer Blutungen- die gleiche Behandlungs-Wirksamkeit kann mit hoher Sicherheit auch für die traumatisch bedingte Blutung angenommen werden. 

Die Zurückhaltung bezüglich Tranexamsäurebehandlung kann zumindest in den beiden Indikationen meiner Meinung aufgegeben werden. Sichergestellt werden müsste lediglich, dass es sich um eine starke Blutung im Sinne der Studiendefinition handelt und die erprobten Dosierungen verwendet werden:

  • PPH (WOMAN-Trial): Ein Blutverlust von >500 mL nach vaginaler Geburt oder 1000 mL nach/bei Kaiserschnitt und jeder Blutverlust der zur Kreislaufinsatbnilität führt. Die Dosis von 1g in einer Infusionsgeschwindigkeit von 1ml/min = 100mg/min ist verwendet worden, bei Erfolg innerhalb der ersten 30 min oder Wiederbeginn der Blutung kann ein weiteres 1g innerhalb der nächsten 24 h gegeben werden.
  • Trauma (CRASH-2-Trial): Ein verletzungsbedingter Blutverlust, der zur Kreislaufinstabilität führt: Entweder systolischer Blutdruck < 90 mmHg, Herzfrequenz >110/min oder beides. Eine Bolusdosis von 10 mg/kg gefolgt von einer Dauerinfusion von 1 mg/kg/h bedeutet in der Praxis: Bolus von 1g über 10 min und dann ein weiteres 1g über 8h kontinuierlich über Persuor/Infusomat.

Weitere Studien zu intra- und extrakraniellen Blutungen sind noch andauernd und werden unsere Sicherheit im Umgang mit Tranexamsäure erhöhen. Nur die Verwendung im etablierten Off-Label-Use und die Aufklärung darüber bleibt noch zu beachten.

Pubmed (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29126600)

Für Sie gelesen von T. Frietsch

 

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