Müssen wir die Maschinelle Autotransfusion großzügiger oder restriktiver einsetzen?

18.12.2015 00:08

Europäische (ESA) und britische Leitlinien setzen die maschinelle Autotransfusion großzügiger ein als wir- was steckt dahinter?

  • Die maschinelle Autotransfusion ist in der kontaminierten Darmchirurgie nicht unbedingt kontraindiziert, wenn Antibiose gegeben wird, Darminhalt nicht eingesaugt und zusätzliche Waschgänge durchgeführt werden - das sind die gängigen Empfehlungen Grad 1c der ESA Guidelines (Eur J Anesthesiol 2013;30:270-82)
  • Im offenen Bauchtrauma finden sich zwar mehr Erreger in der MAT-Konserve, aber im Endeffekt die gleiche Rate an Infektionen bei den Empfängern. Die Evidenz rührt aus einem RCT (n=44) und einer Observationsstudie (n>150) (Ozman et al: J Trauma 1992; 32; 36-9; Ashworth et al. BJA 2010; 105: 401-416). Daraus resultierte eine ESA Guidleine Empfehlung Grad 1C
  • In der Geburtshilfe gibt es durch den MAT-Einsatz zur Sectio nicht mehr Fruchtwasserembolien, Infektionen oder fetale Erys im MAT_Produkt (mütterliche Immunisierungsrate gleich). Das resultiert in einer Empfehlung Grad 1 C der Guidelines Obstetric Anesthesia OAA/OAGBI, NIH 2005
  • Laut NIH und ESA Guidelines ist die MAT auch in der urologischen Krebschirurgie (EJA 2013; 30:270-84) und  vizseraler, Leber und Cervix- Krebschirurgie mit Leukozytendepletionsfiltern einsetzbar (laut Meta-Analyse Waters, Transfusion 2012).  

    Bei Malignompatienten und einem Eingriff fern vom Tumorgebiet ist auch in Deutschland bisher unbestritten, dass die MAT problemlos eingesetzt werden kann, weil zirkulierende Tumorzellen durch die MAT ohne Eröffnung des Tumorgewebes im Wundbereich nicht vermehrt in die Zirkulation eingebracht werden können und eine Streuung und Tumoraussaat durch die MAT nicht möglich ist.

    Ein anderes galt bislang in Deutschland für die Anwendung der MAT bei der Tumorchirurgie zum Beispiel des Blasen- oder Prostatacarinoms, des hepatozellulären Carcinoms und weiterer blutverlustreichen Resektionseingriffe. In den Querschnittsleitlinien von 2010 wird der Einsatz der autologen Autotransfusion mit Cell Saverblut nach Bestrahlung mit einer Expertenempfehlung der Stärke 2c versehen. Die Bestrahlung, die im Universitätsklinikum Regensburg etabliert wurde, hat Angesicht der formalen Eatblierungshürden aus folgenden Gründen wenig Verbreitung gefunden:

  • –Notwendigkeit einer Herstellungserlaubnis

  • –Kooperation mit Strahlentherapie vor Ort

  • - Leukozytendepletionsfilter ist nur fraglich ausreichend (laut Hanssen:„50Gy die einzig sichere und empfohlene Methode in der Tumorchirurgie“ )

    Es mehren sich nun aber Studien von der sicheren Anwendung der unbestrahlten MAT mit Leukozytendepletionsfiltern in der Tumorchirurgie.

    In der Metaanalyse sind viele Malignomarten beteiligt und eine 363 Patienten mit 970 MAT -Konserven in der Metaanalyse von Water et al (2012 in Transfusion publiziert) dargestellt. In der Abbildung unten sieht man im Forest Blot, dass keine Vorteile bezüglich der Rezidivrate existiert, ob nun Fremdblut gegeben oder autotransfundiert wurde- links für alle Karzinompatienten, rechts nur für die Prostatachirurgie.

    Dies wird unterstützt von zwei brandneuen Publikationen:

  • Eine aktuelle monozentrische retrospektive Fallkontroll-Studie zum MAT Einsatz bei Lebertransplantation wegen hepatozellulärem Carcinom fand keine erhöhte Redivrate in immunsupprimierten Transplantatempfängern, ob nun MAT angewendet wurde (n=221 ) oder nicht(n=98). Die Rezidivraten nach 1,2 und 5 Jahren waren in der MAT Gruppe tendenziell niedriger, aber nicht signifikant verschieden (Han et al. Safety of the Use of Blood Salvage and Autotransfusion During Liver Transplantation for Hepatocellular Carcinoma. Ann Surg 2015 ePub)

  • Die empfohlene Verwendung von Leukozytendepletionsfiltern beruht auf der Annahme, dass Leukozyten, die Tumorzellen phagozytiert oder adhäriert haben im negativ geladenen Filter anhaften. Die damit oftmals in Verbindung gebrachte Hypotension nach Infusion der autologen Konserve ist nicht eindeutig auf erhöhte Leukotrien und Bradykinine zurückzuführen (Catling SJ, Thornton CA, Russell IT. Bradykinin and cysteinyl leukotriene concentrations in cell-salvaged blood before and after passage through negatively charged filters during clinical use in cancer patients: a pilot study. Anaesthesia. 2015 Sep;70(9):1066-72. doi: 10.1111/anae.13100. Epub 2015 Apr 29.)

So bleibt die Frage, ob wir uns weiter dem Einsatz verschließen und höhere Evidenz abwarten oder Studien zur Klärung initiieren. Die IAKH Mitglieder sind gefragt. Wer sich beteiligen möchte- schreiben Sie bitte eine email an iakh@iakh.de  mit der Anzahl und Art Ihrer Tumoreingriffe pro JAhr und dem mittlerern Blutverlust dabei. 

Prof. Dr. med. Bernd Pötzsch gewinnt Preis im Hochschulwettbewerb

25.10.2015 18:37

Hochschulwettberwerb "Zukunft Erfinden NRW", Kategorie Lebenswissenschaften

Das IAKH Vorstandsmitglied Prof. B. Pötzsch gewinnt zusammen mit den Kollegen Prof. Mayer und PD Dr. Müller, alle an der Universität Bonn den Hochschulwettbewerb  "Zukunft Erfinden NRW", Kategorie Lebenswissenschaften mit der Entwicklung von Aptathrombin, ein universelles Antidot gegen Thrombinhemmer.

Bereits am 24.9.2015 hat NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze im Rahmen einer Festveranstaltung in Bochum die Preisverleihung vorgenommen und den drei Bonner Wissenschaftler gratuliert.

Dem schließt sich die IAKH ausdrücklich an. Im Rahmen der IAKH Jahrestagung 2016 in Ludwigshafen wird Detailliertes zu diesem neuen Medikament und weiteren pharmakologischen Neuerungen auf dem Arzneimittelsektor zu erfahren sein.

In Kürze: Bei Aptathrombin handelt es sich um eine Substanz zur Unterbrechung der gerinnungshemmenden Wirkung von Thrombin-Hemmern. Bei Blutungskomplikationen bei Patienten, die diese Mittel einnehmen, ist eine schnelle Unterbrechung der gerinnungshemmenden Wirkung nun mit Aptathrombin möglich: nach intravenöser Gabe dieses aus einer Protein- und einer Oligonukleotid-Komponente bestehenden Hybridmoleküls kann die gerinnungshemmende Wirkung des Wirkstoffs Dabigatran kurzfristig komplett neutralisiert werden kann.

Prof. Dr. Bernd Pötzsch ist als Oberarzt am Institut für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin des Universitätsklinikums Bonn tätig und Vostandsmitglied in der IAKH seit 2010.

Der Link zur Pressemitteilung: http://www3.uni-bonn.de/Pressemitteilungen/196-2015

EuGh Urteil zum Ausschluss von Homosexuellen von der Blutspende

30.04.2015 17:47

Was ändert sich dadurch in Deutschland? Ist ein genereller Ausschluss von Homosexuellen von der Blutspende wünschenswert?

Das EuGh Urteil (Rechtssache C-528/13) war auf die Klage eines Franzosen, der nicht zur Blutspende zugelassen worden war, ergangen. Es besagt , dass es rechtens sein kann, Homosexuelle von der Blutspende auszuschließen. 

Da in Deutschland mit einem Fragebogen versucht wird, das Risikopotenzial des Blutspenders zu erfassen, wird auch hierzulande praktiziert, Homosexuelle mit hohem Risikoprofil wie häufigem Partnerwechsel auszuschließen. Im starken heutigen Presse-Echo vom 30.4.15 auf dieses Urteil stellt sich die Frage, ob ein genereller Ausschluss von Homosexuellen in Deutschland wie in anderen europäischen Laendern begrüßt werden soll oder das bisherige Verfahren beibehalten werden soll. 

Im Fragebogen wird nach ungeschütztem und/oder gleichgeschlechtlichem Intimkontakt in den letzten 4 Monaten, nach Intimkontakt zu Personen mit Risikoprofil (bisexuelle Männer, Prostituierte, Drogenabhängige oder Personen mit Hepatitis bzw. HIV-Infizierte), nach eigenem Gefängnisaufenthalt etc. gefragt. (Siehe Spender-Fragebogen des Blutspendedienstes München)

Es ist einerseits plausibel, dass die Sicherheit, mit der mit dieser Methode infizierte Spender ausgeschlossen werden können, nicht hundert Pozent beträgt. Nur ein kleiner Teil der infizierten Spender kann durch die HIV-Tests nicht erkannt werden.  Ist das  geringe Risiko noch weiter verringerbar-angesichts der drastischen Folgen für den Empfänger?

Meine persönliche Meinung ist -nein. Mit dem generellen Ausschluss von Homosexuellen würde die Sicherheit aber nur fraglich noch weiter zunehmen, da die Homosexualitaet dann einfach nicht mehr ehrlich zugegeben werden würde. Zusätzlich spricht aus meiner Sicht noch zweierlei:

1. Die Steigerung der Produktsicherheit für Blutkonserven ist angesichts des nur minimalen gewonnenen Sicherheitszuwachses ein Mogelpaket, das dem Anwender, dem transfundierenden Arzt  vorgaukelt, dass die Anwendung eines solch sicheren Produkts nicht unbedingt kritisch überdacht werden muss. Maßnahmen zur Verbesserung der Anwendungssicherheit und des kritischen Verbrauchs der wertvollen Ressource Blut sind um ein Mehrfaches notwendiger.

2. Die Diskriminierung von vielen Homosexuellen in stabilen Beziehungen und ohne erhöhtes Risikoprofil führt zu einer fortschreitenden Stigmatisierung dieser Mitmenschen. Für mich wäre der generelle Ausschluss in Anbetracht der mangelnden Risikoverringerung das falsches Signal in einer offenen und humanitären Gesellschaft. 

T. Frietsch