Offener Brief zur Pathogeninaktivierung von Thrombozytenkonzentraten
Einführung der Pathogeninaktivierung
von Thrombozytenkonzentraten in Deutschland:
Nutzen-Risiko-Bewertung und gesundheitsökonomische Folgen
Eine Stellungnahme der
Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Klinische Hämotherapie IAKH e.V.
zum Oktober 2025
Kurzfassung (zur detaillierten Langversion)
Hintergrund
Thrombozytenkonzentrate (TK) können bakteriell kontaminiert sein und zu schweren oder tödlichen Sepsisfällen führen. Obwohl bakterielle Kontaminationen relativ häufig (1:500–1:2.000 TK) auftreten, sind tödliche Verläufe selten (~1:700.000 TK in Deutschland, ≈ 0,7 Todesfälle/Jahr).
Maßnahmen zur Risikominimierung:
Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) startete 2024 ein Stufenplanverfahren zur Vermeidung transfusionsassoziierter bakterieller Infektionen (TBBI). Drei Strategien wurden diskutiert:
- Pathogeninaktivierung (PI)
- 100%-Screening auf Bakterien
- Laufzeitadaptierte bakterielle Testung
Die Mehrheit der pharmazeutischen Unternehmer sprach sich für die Einführung der PI aus.
Geplanter Zeitrahmen:
Die PI könnte spätestens zum 1. Januar 2027 verpflichtend oder optional eingeführt werden.
Verfügbare PI-Verfahren:
- Intercept® (Cerus):Etabliert, breite Studienlage, weltweit eingesetzt.
- Theraflex®:Markteinführung ab Ende 2025 erwartet, Datenlage unzureichend.
- Mirasol®:Wegen schlechterer Wirksamkeit in Studien (Blutungsgrad ≥2) nicht empfohlen.
Nutzen-Risiko-Abwägung:
Nutzen:
- Hohe Wirksamkeit gegen Pathogene.
- Keine Hinweise auf Toxizität der eingesetzten Substanzen.
Risiken:
- Blutungsrisiko:Kein signifikanter Anstieg in Studien, aber Datenlage ist begrenzt.
- Mehrverbrauch von TK:Studien zeigen 15–20 % mehr Transfusionen pro Patient; auch reale Versorgungsdaten aus der Schweiz und Frankreich bestätigen diesen Trend.
- Mögliche immunologische und transfusionsbezogene Nebenwirkungenwerden ebenfalls diskutiert.
Bisheriges Fazit:
Die Einführung der Pathogeninaktivierung (v. a. Intercept®) wird als bevorzugte Maßnahme angesehen, um das bereits sehr geringe, aber schwerwiegende Risiko von TBBI weiter zu senken. Trotz möglicher Mehrverbräuche und ungeklärter Langzeitrisiken überwiegt laut aktuellen Bewertungen der potenzielle Nutzen. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.
Mit dem neuartigen Theraflex®-Verfahren käme möglicherweise auch ein Verfahren zum Einsatz, dessen wissenschaftliche Bewertung der klinischen Effektivität auf nur einer klinischen Studie beruht, die jedoch eben dieses Hauptrisiko der Zunahme schwerwiegender Blutungsereignisse nicht zum Untersuchungsgegenstand hatte. Paradoxerweise wird bei dieser Studie immer wieder darauf verwiesen, dass das fehlende Erreichen des „non-inferiority margins“ in dieser Studie keine Relevanz habe, da es sich beim CCI nur um einen fraglich relevanten Surrogatmarker handele. Wenn dem so wäre, wäre die gesamte Studie wissenschaftlich wertlos. Die Einführung des Theraflex®-Verfahrens würde dann jeder evidenzbasierten medizinischen Entscheidung widersprechen.
Klinisches Nutzen-Risiko-Verhältnis
Die geplante Einführung von pathogeninaktivierten Thrombozytenkonzentraten (PI-TK) in Deutschland verfolgt das Ziel, das Risiko transfusionsassoziierter Infektionen zu reduzieren. Während dieser präventive Ansatz auf den ersten Blick medizinisch plausibel erscheint, zeigen aktuelle Metaanalysen (u. a. Estcourt 2017, Pati 2022) keinen signifikanten Rückgang schwerer Infektionskomplikationen.
Die als Hauptbegründung der Einführung der PI genannte tödliche transfusionsbedingte Übertragung von bakteriellen Infektionskrankheiten (TBBI) ist, verglichen mit anderen medizinischen Therapien, extrem selten (0,7 Fälle / 500.000 TK in D), zudem wird bei dieser Rate angegeben, dass diese Todesfälle sich möglicherweise auch ohne Verabreichung der involvierten TK ereignet hätten.
Gleichzeitig belegen die Daten eine deutliche Erhöhung der Rate an Thrombozytenrefraktärzuständen (RR 2,6–2,9) sowie eine signifikant höhere Gesamtzahl an Transfusionen, was auf einen verringerten in vivo-Thrombozytenanstieg nach PI-TK-Gabe zurückzuführen ist. Der Refraktärzustand basiert auf ausbleibenden Anstiegen des Corrected Count Increment (CCI) bzw. Count Increment (CI) – Werte, die als Surrogatmarker für die Wirksamkeit gelten, obwohl ihre Korrelation zu klinischen Blutungsereignissen umstritten ist. Der niedrigere CCI bei PI-TK lässt auf eine verminderte Effektivität schließen, was die klinische Aussagekraft einiger Studien (z. B. CAPTURE-Studie) infrage stellt. Ein gesetzlich vorgeschriebener erhöhter Thrombozyten-Mindestgehalt in PI-TK (von 2,0 × 10¹¹ auf 2,5 × 10¹¹) soll dies ausgleichen – ob dies gelingt, ist wissenschaftlich bisher nicht belegt.
Weitere Metaanalysen zeigen eine erhöhte Rate an Allo- bzw. HLA-Immunisierungen (RR 1,77) und eine geringfügig erhöhte Rate an Transfusionsreaktionen (RR ~1,09) bei PI-TK. Schwere Transfusionsreaktionen treten dabei laut Cochrane-Analyse nicht häufiger auf.
Nutzen-Risiko-Abwägung:
Nutzen:
- Der Rückgang an schwerwiegenden Infektionen durch die PI von TK ist nicht eindeutig bewiesen
- Die Effektivität der PI-TKs bezüglich Gerinnungsaktivität ist um bis zu 20% geringer, was eine höhere Frequenz der Transfusion nach sich zieht. In Situationen der schweren Blutung ist der Einsatz vermindert wirksamer Thrombozyten nachteilig.
Risiken
- Die höhere Transfusionsrate bewirkt ein Anstieg der anwendungsassoziierten Risiken (Verwechslungsgefahr, Überdosierung, allergische und immunologische Transfusionsreaktionen etc.)
- Die Refraktärrate der TK-Anwendung steigt ebenfalls durch die höhere Transfusionsrate, was Versorgungsprobleme und Untertransfusion mit gesteigertem Risiko zu verbluten für einzelne Patienten bedeutet.
Gesundheitsökonomische Dimensionen: Beteiligte Institutionen
Gesundheitsökonomisch führt die PI-Einführung zu erheblichen Mehrkosten: Allein die Setkosten (~50 €/TK) verursachen bei 500.000 TK/Jahr rund 25 Mio. € Zusatzkosten für die Blutspendedienste. Weitere 21,9 Mio. € entstehen durch erhöhte Zusatzentgelte für PI-TK, die zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen gehen. Bei einer Anpassung der Zusatzentgelte, wie vom Arbeitskreis Blut empfohlen, könnten sich die Kassenkosten nahezu verdoppeln (auf bis zu 40 Mio. €). Zusätzlich sind Mehrkosten durch erhöhten TK-Verbrauch und veränderte Produktionsprozesse (z. B. Wegfall der Triple-Apherese) zu erwarten.
Blutspendedienste des Roten Kreuzes profitieren potenziell durch geringere Verfallsraten infolge verlängerter Haltbarkeit (bis 7 Tage). Dagegen sehen sich universitäre und kommunale Einrichtungen – mit geringerem Verfall und häufig eigener Aphereseproduktion – mit deutlich höheren Belastungen konfrontiert, insbesondere durch den Wegfall der wirtschaftlich günstigen Triple-Apherese. Letztere führt auch zu einem erhöhten Spenderbedarf und zu höheren Produktionskosten.
Die Kosten-Nutzen-Bewertung ist kritisch: Die Kosten pro gewonnenem QALY (Quality-Adjusted Life Year) liegen je nach Studie bei 4 bis 5 Mio. €, also etwa 100-fach über dem akzeptierten Schwellenwert von 50.000 €. Der Nutzen der Maßnahme erscheint damit wirtschaftlich nicht vertretbar. Ob alternative Bewertungsverfahren wie MCDA zur Anwendung kommen sollten, wird derzeit diskutiert.
Conclusio:
Die Einführung der PI in Deutschland steht auf einer aus unserer Sicht fragwürdigen wissenschaftlichen Grundlage und wird zu erheblichen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen bei marginalem Sicherheitsgewinn führen.
Diese Einschätzung beruht auf einerseits medizinischen, ökonomischen und strukturellen Gründen:
Medizinische Aspekte
Die Vorteile der PI im Hinblick auf die Vermeidung von (in erster Linie) TBBI und (virale) TBVI durch die Gabe von Thrombozytenkonzentraten sind unbestritten.
Erhebliche, wissenschaftlich gesicherte Nachteile sind jedoch zu verzeichnen:
- Zunahme der Rate an Transfusionen pro Patient pro Behandlungseinheit
- Zunahme der Rate an Thrombozytenrefraktärzuständen
- Signifikante Abnahme der Anstiege in CI und CCI bei 1h- und 24h-Wert
- Zunahme der Transfusionsreaktionen und Anwendungsrisiken
- Gefährdung der Versorgungssicherheit in Spendemangel- und Krisensituationen durch einen höheren Verbrauch pro Empfänger
Damit könnten die gestiegenen Risiken der Frequenzzunahme der erforderlichen Anzahl an PI-TK pro Empfänger das (angeblich) gefallene Übertragungsrisiko für bakterielle und virale Erreger egalisieren. Daraus ist zu schließen, dass mit der PI ein Therapieverfahren zur Anwendung käme, dessen medizinisches Hauptrisiko (schwere und letale Blutung) in Abwägung zum Effekt des Verfahrens nicht beurteilbar ist.
Gesundheitsökonomische Aspekte
Unabhängig von Einsparungen in den einzelnen Teilbereichen der Gesundheitseinrichtungen von Blutspende bis zur Transfusion werden die Hersteller der Pathogeninaktivierungssets zweistellige Einnahmen verzeichnen können, die gesetzlichen Krankenkassen werden mit einem niederen zweistelligen Millionenbetrag belastet werden, der aufgrund eines möglichen Mehrverbrauchs auch höher ausfallen könnte.
Eine Vermeidung der 0,7 Todesfälle durch eine TBBI oder auch die Vermeidung schwerer Sepsisfälle rechtfertigen den Einsatz von ca. 25 Millionen Euro für die gesetzlichen Krankenkassen gesundheitsökonomisch unter Vorgabe der Kosten eines QALY nicht.
Mit geschätzten Mehrkosten von 100 Euro pro TK werden bei 500.000 TK / Jahr in Deutschland zusätzlich 50 Millionen Euro fällig, gegenzurechnende Einsparungen wie der Wegfall der Bestrahlung oder die Verminderung des Verfalls an TK kompensieren diese zusätzlichen Kosten zu weniger als 50%. Falls sich der in Studien abzeichnende Mehrverbrauch an TK in Höhe von ca. 10-20% bewahrheitet (zusätzliche 50.000 bis 100.000 TK pro Jahr in D), kämen weitere 25-50 Millionen an Kosten auf das Gesundheitswesen zu, d.h. in einem best case scenario sind an Gesamtkosten mit zusätzlich 25 Millionen Euro zu rechnen, in einem worst case scenario mit 75 bis 100 Millionen Euro.
Mit dem aktuellen Aufkommen von regionalen Chikungunya- und West-Nil-Virusfällen ist anzunehmen, dass kritische Überlegungen zum Risko-Nutzen-Verhältnis des Einsatzes der Pathogeninaktivierung jedoch publizistisch in den Hintergrund gedrängt werden. Selbst dann jedoch betragen die zusätzlichen Kosten für die Gewinnung eines QALY durch die Pathogeninaktivierung zwischen 4 und 5 Millionen Euro und liegen damit weit jenseits der akzeptierten Grenze von 50.000 Euro.
Alternativen und Handlungsempfehlungen
1. Evidenzsicherung der realen Rate für TBBI bzw. TBVI, Sepsis etc.
Die durch das PEI als gesichert eingestufte Übertragung von Erregern durch eine Blutkonserve ist durch den verpflichtenden Kausalitätsbezug (per Erregernachweis) irreführend niedrig. Eine Abkehr von dieser Technik ist zur realistischeren Registrierung des Infektionsrisikos durch Blutkomponenten ist zu fordern. Eine diesbezüglich bessere Annäherung für den besseren Nachweis einer durch die Thrombozytentransfusion verursachten Infektion könnte beispielsweise erreicht werden, indem vor der Anwendung und drei bis 5 Tage nach der Anwendung ein Infektionsmonitoring (z.B. anhand eines allgemeinen Indikators wie CRP oder Körpertemperatur) tagesaktuell durchgeführt und mit der Anwendung als möglich, wahrscheinlich, sicher zusammenhängend beurteilt werden soll (neben der empfohlenen Erfolgskontrolle per Inkrement). In Anbetracht der erheblichen Kosten der PI Einführung sollte deren Begründung auf besserer Evidenz beruhen.
2. Berücksichtigung der Dunkelziffer
Da es sich bei den im Kontext der Anwendung von Thrombozyten belegten Häufigkeiten aus dem PEI bzw. Publikationen ebenso wie die vermuteten Häufigkeiten aus passiven Hämovigilanzregistern zu Verwechslungen, Fehlanwendungen, Infektionsübertragungen und anderen Transfusionsregistern gleichsinnig um eine Unterschätzung handelt, sind mit der in dieser Stellungnahme prognostizierten Steigerung der Anwendungen auch die unerwünschten Wirkungen, Kosten und Risiken unterschätzt.
2. Gestufte Einführung der Pathogeninaktivierung
Mit dieser Stellungnahme empfiehlt die IAKH als mögliche Alternativen für die Einführung der PI folgendes gestuftes Vorgehen:
Stufe 1. Beibehalten des Status Quo (Stufe 1) ( evtl. bis zur Sicherung der belegten Notwendigkeit zur Reduktion der TBBI/TBVI)
Die IAKH ist sich bewusst, dass angesichts des wachsenden öffentlichen Drucks durch die aktuelle Berichterstattung zu den Einzelfällen regionaler Chikungunya- und West-Nil- Virusfällen diese Einschätzung als Beharren auf dem Status quo und als fehlende Innovationsbereitschaft interpretiert werden wird.
Stufe 2: Die Beibehaltung der bisherigen Lagerungsstrategie mit einer Haltbarkeit vom Entnahmetag + 3 Tage wird durch eine bakterielle Schnelltestung an Tag 3 erweitert auf eine insgesamt 7 Tage Haltbarkeit.
Die dafür notwendigen CE-zertifizierten technischen Methoden zum Nachweis von Keimen in Schnellverfahren (soweit bekannt) stehen derzeit nicht zur Verfügung. Sie müssen entwickelt und eingesetzt werden. Die Kosten für Entwicklung und Einsatz sind vergleichsweise gering und in Anbetracht der oben dargestellten Kosten sinnvoll.
Mit diesem Stufenverfahren können die hohen Kosten der Einführung der Pathogeninaktivierung in Deutschland für das Gesundheitswesen bei einem unbekannten Sicherheitsprofil bei Blutungsereignissen einen (letztendlich sogar fraglichen) marginalen Sicherheitsgewinn im infektiösen Bereich vermieden werden.
Stellvertretend für den Vorstand der IAKH im Oktober 2025
- Vorsitzende
Prof. Dr. Dr. med. Dania Fischer
Generalsekretär
Prof. Dr. med. Thomas Frietsch, MBA Health Care
Literaturempfehlung
Lesenswert im Hinblick auf die Entscheidung zu einer Einführung der Pathogeninaktivierung von Thrombozytenkonzentraten sind auch:
- Piccin et al., Platelet Pathogen Reduction Technology—Should We Stay or Should We Go. . .?; J Clin Med; 2024,13, 5359
- van der Meer et al., Considerations on risk mitigating strategies for bacterial contamination of platelet concentrates – The Dutch perspective; J Transci; 2025, 64; 104087
www.iakh.de