Blutprodukte von Spendern mit Parodontitis

Damgaard C et al. Periodontitis increases risk of viable bacteria in freshly drawn blood donations. Blood Transfus 2021; DOI: 10.2450/2021.0336-20

Die Bakteriämie der Blutspender mit Parodontitis führt zur Besiedelung der gespendeten Blutprodukte. Das ist besorgniserregend, da die Rate von Bürgern > 50J mit Parodontitis über 50% ist; wie jüngste Studien zeigen ist die Inzidenz der Parodontits in Deutschland sogar bei 74% (Schmalz, G. et al. High prevalence of periodontitis in blood donors and the possibility of questionnaire-based screening - results of a cross-sectional study. Transfus Med 2019;29: 394-400). Einen bestätigenden, sehr aktuellen Überblick zu den Paradontalerkrankungen findet sich in der DMS V vom Institut der Deutschen Zahnärzte.

Trotz immer wieder berichteten bakteriellen Infektionen nach Bluttransfusionen sind Spender mit chronischer und moderater Parodontitis nicht vom Blutspenden ausgeschlossen. Parodontitiserreger und physiologische Mundflora werden beim Zähneputzen und Kauen aus den Zahnfleischtaschen in den Intravasalraum übernommen. Dort binden opsonierte Bakterien an den Complementrezeptor 1 (CR1, CD35). Parodontitis, umgangssprachlich auch Parodontose, ist ein bakterieller Entzündungspross mit Verlust des knöchernen Zahnhalteapparates sowie des zugehörigen Zahnfleisches. Aktuelles zu den 700 Bakterienarten, die die orale Mundflora ausmachen, findet sich in einem kürzlichen Artikel zur chronischen Zahnfleischentzündung und der notwendigen Kontrolle der Mundflora (Larsen T et al. Dental biofilm infections-an update. APMIS 2017; 125(4):376-84. doi: 10.1111/apm.12688.)

Wenn diese Parodontitis-Patienten Blut spenden, das hat nun eine dänische Arbeitsgruppe in einer prospektiven Cross-Over-Studie gezeigt, sind die Blutprodukte aus Fraktionen der Vollblutspende zu einem unakzeptabel hohen Anteil kontaminiert.  

Die  Kontamination mit Hautkeimen wurde durch sorgfältige Desinfektion und Verwurf der ersten 30ml - 50ml der Spende vermieden. Die Kulturen wurden aus dem Buffycoat als auch aus den Blutprodukten steril entnommen (Plasma oder Erythrozytensuspension des Spenders (0,5ml)) bzw.  die standardisierte Untersuchung der Parodontitis in den Zahnfleischtaschen erfolgte direkt nach der Spende. Zusätzlich erfolgte eine Röntgenuntersuchung innerhalb eines Monats.

Der Anteil der eingeschlossenen Spender (n=60) mit Paradontitis war zum Zeitpunkt der Spende unbekannt. Beinahe die Hälfte (48%, n=29) der Spender wies eine Paradontitis mit bakteriellem Nachweis von Aerobiern oder Anaerobiern auf.Das mittlere Alter in den beiden Gruppen, der Anteil der Geschlechter, der Raucher, der Anteil an sanierten und unsanierten bleibenden Zähne war nicht unterschiedlich. Der Buffycoat jedes Spenders wurde, wie in Dänemark üblich, mit dem aeroben BacT/ALERT (Biomerieux SA, Marcyl'Etoile, France) für 7 Tage getestet, war aber für keinen der in der Agarkultur getesteten Positivbefunde ebenfalls positiv.

Bakterienwachstum wurde in der Gruppe der paradontal Gesunden nur in 10% aller Kulturen und nur bei Patienten mit einer Zahnwurzelentzündung entdeckt. Für Blutspender mit Parodontitis ergab sich jedoch ein über 6-fach erhöhtes Risiko einer Bakteriämie (RR 6.4, 95% Konfidenzintervall 95% CI: 2.1 - 19.5). Konkludiert fand sich eine meist anaerobe Besiedelung des Blutprodukts mit Cutibacterium acnes (20% alle, bei 31% der Spender mit Parodontitis und 10% bei Zahnfleischgesunden, p=0.0544), Staphylococcus caprae/capitis (10% versus 6%. p=0.6658), S. epidermidis (7% vs. 3%, p=0.6059), Staphylococcus hominis, Staphylococcus lugdunensis and Bacillus mycoides (7% vs. 0%) und Aggregatibacter aphrophilus (ein nur in der Mundflora zu findendes Bakterium) (3,4% vs.0%). Bekannte Keime, die mit Paradontitis in Verbindung gebracht werden wie Porphyromonas gingivalis, Fusobacterium oder Prevotella spp. wurden nicht gefunden.

Die Assoziation dieses Befundes mit der relativ hohen nosokomialen Infektionsrate von 11-13% nach Erythrozytentransfusion erfordert nach Meinung der Autoren eine Änderung der Spenderauswahl. Insbesondere auch weil das zur Identifikation einer bakteriellen Kontamination benutzte "BacT/ALERT"-Testverfahren sich als unsensitiv erwiesen hat. 

Die Schwäche der Studie ist, dass die Paradontitiserreger in der Mundflora nicht identifiziert und den Blutprodukten zugeordnet wurde. Die Autoren schließen aber andere Quellen und Kontamination als mögliche Ursache der Bakteriämie als sehr unwahrscheinlich aus.   

In Deutschland werden Patienten mit einer Zahnwurzelentzündung oder nach einem Zahnarztbesuch von der Spende ausgeschlossen, nicht aber bei einer chronischen Zahnfleischentzündung. Dass der Anteil der über 50-Jährigen mit Paradontits so hoch ist, wusste man bereits früher. Dass aber diese bakterielle Besiedelung auch in den Blutprodukten nachzuweisen ist , ist neu. Bislang erfolgt im Rahmen der Qualitätskontrolle bei 5% der entnommenen Blutspenden eine anaerobe und aerobe Kultur und eine Nachbeobachtung im Falle einer gemeldeten febrilen Transfusionsreaktion. Die Übereinstimmung des Kulturerregers mit dem im Blutstrom eines Skeptikers ist aber selten gegeben, da die meisten Labors maximal 2 Erreger und ihre Resistenzen angeben. Die in dieser und auch anderen Studien gefundenen Keime wie Cutibacterium acnes und koagulase-negative Staphylokokken sind auch Hautkeime und können hinsichtlich Ihrer Herkunft schwer von einer Kontamination bei der Entnahme der Blutkultur unterschieden werden. In dieser Studie hätte sich die Kontamination nicht nur auf eine Gruppe finden müssen, wäre es hier eine Fehlerquelle. Leider wurden in dieser sonst guten Studie die Keime aus der Mundflora nicht analysiert.  

So bleiben berechtigte Zweifel, ob in diesem Zusammenhang eine viel höhere Dunkelziffer der relevanten Übertragungen stattfindet. Für den Immungeschwächten, den Patienten mit Malignom oder Kritischkranken in der Sepsis sicher eine vermeidbare Belastung, wenn auch die meisten Erreger bei Kühlschranktemperatur in EKs oder Raumtemperatur in TKs nicht verstärkt vermehrungsfähig sind. Die Übereinstimmung der Erreger aus bisherigen Berichten von bakteriellen Transfusionsreaktionen und nachfolgenden schweren Komplikationen wie Sepsis, Meningitis, Endokarditis, Hirnabszess und Pneumonie wären gut mit der Übertragung von Cutibact. acnes und Staphylokokken aus der Mundflora vereinbar. Wenn sich das bestätigte, müssten Blutspender vorher auf Parodontitis gescreent werden. 

Bei der Bestätigung dieses ersten alarmierenden Berichts durch weitere Untersuchungen könnten entsprechende Schnelltests z.B. aus der Implantalogie übernommen bzw. weiterentwickelt werden. Dort wird bei Infektionsgefahr oder zum Nachweis mikrobiologische Diagnostik zur individuellen Therapieplanung verwendet (z.B. [nbsp]IDent-Systeme). Alternativ könnte ein spezifisches Enzym der Granulozyten gemessen werden, die sog. Matrix-Metall-Proteinase 8, deren Konzentration mit dem Grad der Paradontitis und der Bedeutung für systematische Komplikation wie Herzinfarkt oder diabetischen Stoffwechsellage korreliert (siehe aMMP8). Die in der Studie erwähnten BacT/ALERT sollten nicht verwendet werden, da sie nicht geeignet sind.

Pubmed

Für Sie gelesen von Dr. med. dent. K-P. Zimmermann, M.Sc. und Th. Frietsch

Zurück