Clinical Decision Support für das POCT Gerinnungsmanagement
Noteboom SH et al. Interpretation of Viscoelastic Hemostatic Assays in Cardiac Surgery Patients: Importance of Clinical Context. Anesth Analg. 2025 Sep 1;141(3):588-597. doi: 10.1213/ANE.0000000000007400
Trotz der erfolgreichen Implementierung und Validierung von viskoelastischen Vollblut-Gerinnungstests in der klinischen Praxis fehlen Studien zur Zuverlässigkeit und Konsistenz der tatsächlichen klinischen Interpretation im Allgemeinen. Fehlinterpretationen von ROTEM-Daten können zum Verlust der genannten Vorteile führen. Eine korrekte Interpretation erfordert eigentlich eine ärztliche Kompetenz aus technischen und interpretativen Schulungen, für Logistik sowie interdisziplinäre Kommunikation und Zusammenarbeit. Und selbst dann sind konsistente und genaue Ergebnisse nur im Rahmen von etablierten Algorithmen bei der POCT-Bewertung zu erreichen. Ein zeitgemäßer und eventuell besser standardisierbare Lösungsansatz wäre der Einsatz von digitalen Interpretationshilfen aus künstlicher Intelligenz (KI).
Deshalb ist die jetzt publizierte Studie aus Amsterdam mit geschulten Experten (Kardiologische Anästhesisten und ein Intensivmediziner) zur Beurteilung der erreichbaren Interrater-Reliabilität maßgeblich. Die Arbeit stellt die prospektive geplante Auswertung der VHALID - Studie (Clinical decision-support with Viscoelastic Haemostatic Assay; towards a more practical guided and proactive use of clotting agents; NL75922.018.20) dar. Der Einsatz mit der bedeutsamsten Anwendung von POCT- hier ROTEM- in der Herzchirurgie sollte darüber hinaus die Übereinstimmung zwischen den Experteninterpretationen und den Interpretationen des ROTEM-gestützten Algorithmus (Clinical Decision Support, CDS) untersucht werden.
Die Blutproben wurden zu standardisierten 4 Zeitpunkten abgenommen: 1- Baseline vor Einleitung, 2- nach Wiedereröffnung der Aortenklemme, aber vor Protamin („declamping“), 3- nach ROTEM/ACT-gestützter Korrekturtherapie durch den behandelnden Anästhesisten, 4- 2 h nach Aufnahme auf die Intensivstation (ICU). Die Testbefunde, die Patientenanamnese und klinische Informationen aus dem OP über den Blutungsstatus (wie erwartet, überdurchschnittlich, exzessiv) waren durch die Experten über einen Digitalzugriff ebenso zugänglich wie Dosis und Zeitpunkt vpn Pro- und Antikoagulantientherapie, Blutverlusten, Thoraxdrainagen etc. Zur Feststellung der Intrarater- Variation wurden 10 % der Fälle dupliziert, ohne dass die Experten davon wussten.
Dreihundertdreiundvierzig ROTEM-Messungen wurden analysiert. Die Interrater-Reliabilität für binäre Entscheidungen war substanziell bis nahezu perfekt, außer nach dem Declamping. Die Standardisierte Mean Concentration (SMC) zur Bestimmung der Art der Gerinnungsstörung und der Interventionen reichte von gut bis exzellent über alle ROTEM-Messzeitpunkte hinweg (SMC ≥ 0,75). Die Intrarater-Reliabilität war für binäre Fragen nahezu perfekt (Intraklassenkorrelationskoeffizient [ICC] ≥ 0,81) und zeigte eine exzellente Übereinstimmung bei Multiple-Choice-Fragen. Der Vergleich der Expertenempfehlungen mit dem Algorithmus ergab eine durchschnittliche SMC von 0,70, was auf Unterschiede in den Interventionsempfehlungen hinweist. Experten empfahlen häufiger Fibrinogen und Protamin als die vom Algorithmus vorgeschlagenen Plasma- und PCC-Gaben.
Folglich belegt diese Studie eine hohe Inter- und Intra-Rater-Reliabilität der ROTEM-Interpretation durch geschulte Fachkräfte in der Herzchirurgie mit nahezu perfekter Übereinstimmung hinsichtlich der festgestellten Gerinnungsstörung und Interventionen. Die Unterschiede zwischen den Expertenbewertungen und dem ROTEM-gestützten Algorithmus unterstreichen jedoch den Bedarf an fortschrittlichen klinischen Entscheidungshilfen. Die Autoren folgern, dass sich zukünftige Forschungsbemühungen auf die Entwicklung personalisierter, datengetriebener Algorithmen ohne vordefinierte Grenzwerte konzentrieren sollten, um die Genauigkeit und die Patientenergebnisse zu verbessern.
Für Sie gelesen von Th. Frietsch