Effekt der Lagerungslösung von Erythrozyten auf das Outcome von Frühgeborenen
Hendrickson JE et al. Red Blood Cell Transfusion Characteristics and Morbidity or Mortality in Very-Low-Birth-Weight Infants. JAMA 2026,
Bislang haben wir lediglich den Transfusionstrigger und das Transfusionsvolumen als bedeutende Einflussfaktoren auf das Oiutcome von Frühgeborenen im Blick gehabt. Nur wenige Studien haben allerdings untersucht, ob weitere beeinflussbare Aspekte von Erythrozytentransfusionen (EK) mit den klinischen Ergebnissen bei Säuglingen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht (VLBW-Säuglinge < 1500g) assoziiert sind.
Die prospektive Geburtskohortenstudie an 5 universitätsnahen und 3 kommunalen Geburtskliniken mit Säuglingen (<1500 g bei der Geburt) in 5 universitätsnahen und 3 kommunalen Geburtskliniken rekrutierte insgesamt n=2605 VLBW-Säuglinge. Knapp die Hälfte brauchte eine EK Transfusion (n=1283, davon n=586 [45,7 %] weiblich und n= 713 [55,6 %] mit einem Gestationsalter von <27 Wochen).
Der primäre Endpunkt war ein kombinierter Endpunkt aus schwerer intraventrikulärer Blutung (IVH), nekrotisierender Enterokolitis (NEC), Spätsepsis, schwerer bronchopulmonaler Dysplasie (BPD), Frühgeborenenretinopathie oder Tod (sowie sekundäre Einzelendpunkte). Die Nachbeobachtung erfolgte bis zu 90 Tage oder bis zum Tod. Merkmale der Blutspender (Geschlecht, Alter und Hämoglobinwert), Eigenschaften der Antikoagulanzien-Konservierungslösung und/oder der Blutkonserve, Transfusionsvolumen, Transfusionsanzahl und die Hämoglobinwerte der Säuglinge vor der Transfusion wurden mithilfe multivariabler generalisierter Schätzgleichungsmodelle analysiert, um die Korrelation innerhalb des Krankenhauses zu berücksichtigen und den Schweregrad der Erkrankung zu berücksichtigen.
Der mediane Hämoglobinwert vor der Transfusion war mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für den kombinierten Endpunkt assoziiert (Odds Ratio [OR] pro Anstieg um 1 g/dl: 1,15; 95-%-KI: 1,07–1,25; P < 0,001). Im Gegensatz dazu war die Verwendung der mannitolhaltigen Additivlösungen AS-1 oder AS-5 (im Vergleich zur Referenzlösung Citrat-Phosphat-Dextrose-Adenin oder Citrat-Phosphat-Dextrose als Antikoagulans- und Konservierungslösung) mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für den kombinierten Endpunkt verbunden (OR: 0,72; 95-%-KI: 0,53–0,97; P = 0,03). Zwischen anderen untersuchten beeinflussbaren Faktoren und dem kombinierten Endpunkt zeigten sich keine signifikanten Zusammenhänge. Hinsichtlich der sekundären Endpunkte war die Art der Antikoagulans- und Konservierungslösung mit einem geringeren Risiko für eine bronchopulmonale Dysplasie (BPD) assoziiert (AS-1 und AS-5: OR 0,48; 95-%-KI 0,33–0,69; AS-3: OR 0,65; 95-%-KI 0,56–0,77), jedoch mit einem höheren Risiko für eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC) (AS-3: Hazard Ratio [HR] 5,33; 95-%-KI 1,22–23,29). Das Transfusionsvolumen war mit einem höheren Mortalitätsrisiko verbunden (HR pro 5 ml/kg: 1,25; 95-%-KI 1,17–1,35), während das Spenderalter mit einem geringeren Mortalitätsrisiko assoziiert war (HR für Alter ≥60 Jahre: 0,63; 95-%-KI 0,44–0,92). Eine kürzere Lagerungsdauer nach der Bestrahlung (<1 Tag) war mit einem geringeren Risiko für eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC) assoziiert (HR: 0,44; 95-%-KI: 0,22–0,89). Ein weibliches Spendergeschlecht war mit einem geringeren Risiko für eine intraventrikuläre Hämorrhagie (IVH) verbunden (HR: 0,60; 95-%-KI: 0,36–0,99).
Die Additivlösungen, die in den USA verwendet werden (AS-1 und As-5) unterscheiden sich von unserer PAGGS-M-(Phosphat, Andenin, Glukose, Guanosin- Mannitol) Lösung:
|
Characteristic |
AS-1 |
AS-5 |
PAGGSM |
|
Glucose-rich |
★★★★★ |
★★☆☆☆ |
★★☆☆☆ |
|
Phosphate buffer |
No |
No |
Yes |
|
Guanosine |
No |
No |
Yes |
|
Mannitol content |
Moderate |
Moderate-high |
Highest |
|
Sodium chloride |
High |
High |
Lower |
AS-1 and AS-5 sind Kochsalz, Adenin–Glucose–Mannitol-Lösungen in verschiedenen Kompositionen. PAGGSM ist durch den Ersatz von Kochsalz mit Phosphatsalzen und Guanosin komplexer, um den Energiestoffwechsel und die Mambranstabilität der Erythrozyten während der Lagerung besser zu konservieren.
Der entscheidende Punkt in der Beurteilung der vorliegenden ist der, dass die Kontrolllösungen des Artikels (Citrat-Phosphat-Dextrose-Adenin oder Citrat-Phosphat-Dextrose) heute eigentlich nicht als Lagerlösungen verwendet werden, sondern nur als Antikoagulanzlösungen, die dann nach dem Zentrifugieren des Vollbluts nahezu vollständig im Plasmaüberstand zurückbleiben, die Erythrozyten werden dann in eine Additivlösung überführt (US: AS-1, AS-3 AS-5; EU: SAG-M, PAGGS-M). Unter diesem Aspekt ist das Ergebnis der Studie nicht übertragbar auf die europäische Situation. Wie oben erkennbar unterscheiden sich die Additivlösungen in den USA und Europa vor allem in der Zugabe eines Phosphatpuffers in SAG-M oder PAGGS-M.
Die Ergebnisse der Studie im Hinblick auf die Additivlösungen sind mit der Situation in Europa nicht vergleichbar, da hier alternative Additivlösungen zum Einsatz kommen, die ebenfalls wie AS-1oder AS-5 Mannitol enthalten (SAG-M und PAGGS-M). Die Auswirkungen der Additivlösungsreste in den Baby-EKs auf die Physiologie der unreifen Erythrozyten und Retikulozyten des Babies bzw. die speziellen kindlichen Stoffwechsel und Organfunktionen könnte den Unterschied möglicherweise begründen. Es kann aber aufgrund dieses Studiendesigns weiterhin nicht beantwortet werden, ob wir also andere Lagerungslösungen für unsere Baby-EKs brauchen.
Als wichtige praktische Erkenntnis aus dieser Studie ist zu werten, dass die Bestrahlung von EK direkt vor der Gabe erfolgen sollte (Reduktion des NEC-Risikos (nekrotisierende Enterokolitis)). Häufig werden EK für VLBW-FG bestrahlt, Frühgeburtlichkeit ist per se jedoch keine Indikation für die Bestrahlung von zellulären Blutprodukten (ausgenommen vorherige intrauterine Transfusion, Austauschtransfusion und Verdacht auf einen zellulären Immundefekt), deshalb sollte ein Verzicht auf eine generelle Bestrahlung zellulärer Blutprodukte bei VLBW-Frühgeborenen erwogen werden.
Die Verwendung von EK weiblicher Spender zur Senkung des ICH-Risikos ist aktuell nur begrenzt umsetzbar, eine Etikettierung von EK mit dem Geschlecht des Spenders und damit Auswahl nach Geschlecht wäre jedoch sicherlich ohne wesentlichen Zusatzaufwand möglich.
Schlussfolgerungen: In dieser Kohortenstudie an Säuglingen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht (VLBW) waren der Hämoglobinwert vor der Transfusion sowie die Art der antikoagulierenden Konservierungslösung – im Gegensatz zu anderen beeinflussbaren Aspekten der Blutspendepraxis – mit einem kombinierten Endpunkt aus Morbidität und Mortalität assoziiert. Hinsichtlich einzelner Endpunkte wurden bestimmte Spender- und Blutbankfaktoren identifiziert, die als beeinflussbare Ansatzpunkte für weitere Untersuchungen infrage kommen könnten.
Für Sie gelesen von Th. Frietsch