Leitlinienadhärenz für Thrombozytentransfusion in Kanada

Addams JL et al. Use of platelets and the challenge of adherence to guidelines: Who, when and why? Br J Haematol. 2026 Mar 12. doi: 10.1111/bjh.70433

Trotz zum teil sehr differenzierter und evidenzbasierter Leitlinien zur Praxis der Thrombozytentransfusion werden vermutlich weiterhin weltweit unnötige Thrombozytentransfusionen durchgeführt. Die Frage nach dem Ausmaß und den Folgen sowie die Vermeidung sind bislang ungeklärt.

Jetzt hatte im Dezember eine kanadische Autorengruppe eine multizentrische retrospektive Analyse von Erwachsenen veröffentlicht, die zwischen 2017 und 2022 in verschiedene Disziplinen und auf Intensivstationen aufgenommen wurden. Die Einhaltung der kanadischen Leitlinien zur Thrombozytentransfusion wurde definiert als eine Transfusion unter 100 × 10⁹/l bei neurochirurgischen, herzchirurgischen oder extrakorporalen Membranoxygenierungs-Indikationen, unter 50 × 10⁹/l bei invasiven Eingriffen, Blutungen oder therapeutischer Antikoagulation und unter 10 × 10⁹/l, wenn keine immunvermittelte Thrombozytopenie vorlag.

Aus der Studiendatenbank wurden 821.950 Patientenaufnahmen an 22 Krankenhausstandorten und  56.825 Thrombozytentransfusionen identifiziert. Insgesamt entsprachen 13.199 (23,2 %) der Thrombozytentransfusionen nicht den Leitlinien. Hohe Raten nicht leitlinienkonformer Transfusionen wurden im Zusammenhang mit Thrombozytenaggregationshemmern (n = 1.515, 48,5 %), Herzoperationen (n = 1.935, 49,7 %), invasiven Eingriffen (n = 4.648, 29,2 %), immunvermittelter Thrombozytopenie (n = 596, 32,9 %) und Primärprophylaxe (n = 7.370, 47,2 %) beobachtet. Nach Berücksichtigung der Arztmerkmale war das Risiko für leitlinienwidrige Thrombozytentransfusionen in Universitätskliniken geringer als in Krankenhäusern der Grundversorgung (Odds Ratio [OR] 0,768, 95%-Konfidenzintervall [KI] 0,678–0,871, p < 0,001). Die Fachrichtung des Arztes, nicht aber sein Geschlecht oder seine Berufserfahrung, beeinflusste die Leitlinienkonformität. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit gezielter Interventionen zur Optimierung der Thrombozytentransfusionspraxis, zur Minimierung vermeidbarer Transfusionsreaktionen, zur Kostensenkung und zur Abmilderung von Thrombozytenengpässen. 

 

 

Ein zugehöriges aktuelles Editorial von JL Addams et al. adressierte die generell mangelhafte Leitlinienkonformität in der Hämotherapie, die nicht nur für Thrombozyten, sondern auch für Erythrozyten und Plasma besonders spät und unvollständig umgesetzt wird. Die Ursachen sind unbekannt, aber die Autoren betonen im Zusammenhang mit den wenigen Publikationen zu diesem Thema, dass "...zur Beschleunigung der Einführung von Transfusionsleitlinien in Krankenhäusern ... ein deutlicher Bedarf an rigoroser Implementierungsforschung in diesem Bereich..." notwendig ist. Das kann man sich nur anschließen. 

Pubmed

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Für Sie gelesen von Th. Frietsch 

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