Transfusiontrigger in der Intensivstation

Kranenburg FJ, le Cessie S, Caram-Deelder C, van der Bom J. Determinants of transfusion decisions in the ICU: haemoglobin concentration, what else? - a retrospective cohort study. Vox Sang. 2019 Nov;114(8):816-825. doi: 10.1111/vox.12831.

Transfusiontrigger in der Intensivstation: Gibt es andere Richtwerte als den Hämoglobinwert für die häufig iatrogene Anämie? Bei schweren Intensivverläufen kommt es beinahe ebenso häufig zu Gerinnungsstörungen und Thrombozytopenie. Die Leitlinienempfehlungen für diese Blutpräparationen für das Intensivkollektiv sind oftmals schwammig. Wie werden die Trigger auf der Intensivstation für Erythrozytenkonzentrate, Plasma und Thrombozyten in der Praxis gehandhabt?

Eine holländische Arbeit hat nun retrospektiv bei knapp 20 000 Patienten und 85 000 Laborbestimmungen einer universitären 29 Betten-Intensivstation (ICU) anhand der elektronischen Patientenakten untersucht, was mit der Gabe von Erythrozytenkonserven zusammenhängt. Aktiv blutende Patienten wurden ausgeschlossen. Die Transfusionsentscheidungen werden in Holland wie in Deutschland von Fachärzten und Assistenzärzten getroffen.

Analysiert wurde ein Datensatz, der erstens demographische Daten wie Alter, BMI etc., aber auch krankheitsgewichtete Daten wie APACHE II oder SOFA Scores beinhaltet. Anamnestische wie zeitabhängige organspezifische Daten wie Myokardinfarkt, Cardiac Index, Troponin etc. des kardiovaskulären Organsystems, gemischtvenöse Sättigung oder Atemfrequenz des pulmonalen Systems, zumeist Laborwerte bei Erkrankungen des renalen, hepatischen und Immunsystems wurden ebenfalls als potenzielle Einflusskriterien auf die Transfusionsentscheidung einbezogen.

Nicht überraschend war, dass von allen Werten der Hämoglobinwert für die Transfusion von EKs mit dem besten Vorhersagewert assoziiert war. Circa 58% aller in die ICU aufgenommenen Patienten wurden schwerer anämisch (zwischen einem Hämoglobinwert [Hb] von 6 bis 10g/dl). Nach Ausschluss akut blutender Patienten und Zeugen Jehovahs blieben 9548 Patienten mit einem APACHE II Score von 17 (13-21) und kardiovaskulären, respiratorischen und gastrointestinalen Diagnosen zur Auswertung. Davon hatten lediglich 62% eine schwere Anämie unter 9g/dl und 12% unter 7g/dl. Über 12% aller Hämoglobinmessungen waren die Grundlage für eine EK-Transfusion.

Je höher der [Hb] im untersuchten Korridor von 6 bis 10g/dl, desto eher waren Kofakturen für die Entscheidung zu transfundieren maßgeblich. Zum Beispiel fiel das Transfusionsrisiko bei erhöhten Laktatkonzentrationen >2.2 mmol/l bis zu Normalwerten von OR 2.93 (95% CI: 2.53–3.39) auf 1.78 (95% CI 1.40–2.25) mit steigenden Hämoglobinkonzentrationen (test for interaction, P < 0.001). Die wichtigsten Kofaktoren neben der Hämoglobinmessung waren generelle Gesundheitsdaten wie Operationsmodus (Notfall elektiv), APACHE II Aufnahmegruppe Kardiovaskuläre Subgruppe, Hypotonie, Azidose und Minderdiurese unter 30ml/min.

Nach dem Einzelfaktor Hämoglobin hatten der APACHE II Score, unter den kardiovaskulären Daten die Troponin- und Laktatkonzentration, bei respiratorischen der Beatmungsmodus, das PaO2/FiO2 Verhältnis und die Atem-/Beatmungsfrequenz die höchste Vorhersagekraft als einzelner Faktor. Bei den übrigen Kategorien waren die Diurese, die Kreatininkonzentration, die Thrombozytenzahl und die Bilirubinkonzentration im Plasma am aussagekräftigsten für das Risiko transfundiert zu werden.

Nicht überraschend, die Ergebnisse der retrospektiven Analyse, zeigen sie uns doch, dass wir vieles richtig machen, aber keinen exakten Parameter haben, der alleine oder zusammen mit anderen uns die Notwendigkeit für die Erythrozytentransplantation anzeigt. Normovolämie war vermutlich bei allen Intensivpatienten vorhanden...? Reichlich Raum für Verbesserung!

 

Pubmed

Für Sie gelesen von Th. Frietsch

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