Vollblut im Einsatz für zivile Verletzte

Ibrahim W. et al. Whole-Blood vs Component Therapy in Adult Trauma: An Updated Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Surg. 2026 Mar 11:e260197. doi: 10.1001/jamasurg.2026.0197.

 

Die Transfusion von Vollblut bei Schwerverletzten beinhaltet vor allem logistische Vorteile, da nicht erst differenziert werden muss, welche Komponente zu ersetzen ist. Das Konzept kann überall da wirken, wo die Wege lang, die Komponenten und Diagnostika begrenzt sind und Entscheidungskompetenz begrenzt ist. Viele der bisherigen Observationsstudien konnten einen frühen Effekt (innerhalb der ersten 24h) vermelden, hatten aber keine Vergleichsgruppe, konnten den Futility-Bias nicht entkräften und waren in einem Kollektiv effektiv, das durch eine vergleichsweise leichte Verletzungsschwere bei hoher Mortalität wenig den deutschen Verhältnissen entsprach. 

Die Evidenz für Vollblutversorgung und vor allem für einen Einsatz im sowohl prähospitalen wie intrahospitalen Setting ist demnach noch schwach und uneinheitlich. Jetzt hat eine amerikanisch geführte Autorengruppe diese Meta-Analyse der verfügbaren Studien in JAMA Surgery publiziert. Primäres Studienziel war die 24h-Sterblichkeit, sekundäre die 30T-Sterblichkeit und der Transfusionsbedarf.

Zur Analyse kamen aber lediglich die 2 bekannten RCTs (TROOP (Bislang unpubl.) und TOWAR (prähosp.)) und weitere 40 Beobachtungsstudien seit 2006 bis 2025 mit insgesamt beachtlichen knapp 50 000 eingeschlossenen Patienten. Davon waren im Gegensatz zu militärischen Studien die zivilen Studien in der großen Überzahl (33, n=43 181 Patienten). Die Unfallopfer waren zu 70% männlich (Mil. 96%), im Durchschnittsalter von 37 J (mil. 25J), mit einer mittleren Verletzungsschwere ISS von 24 (Range 13-39) und zu 33% (mil. 83%) Penetrationstraumata. 

Die Transfusion von Vollblut war im Vergleich zur Komponententherapie mit einer signifikant reduzierten 24-Stunden-Mortalität assoziiert (Odds Ratio [OR] 0,76; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,60–0,95). Bei Zivilpersonen (24 Studien; n = 39.028) war die Mortalitätsreduktion signifikant (OR 0,73; 95 %-KI 0,57–0,93), was einer absoluten Risikoreduktion von 4,6 Prozentpunkten entspricht. In militärischen Kontexten wurde kein Nutzen beobachtet (5 Studien; n = 2171; OR 0,99; 95 %-KI 0,58–1,70). Bei zivilen Opfern (n= 33 584) zeigte sich hingegen eine reduzierte 30-Tage-Mortalität (OR 0,76; 95 %-KI 0,60–0,98) und ein geringerer Transfusionsbedarf (n= 12 210, mittlere Differenz -2,66 Einheiten; 95 %-KI -3,96 bis -1,35 Einheiten).

Damit sind bleibende Erfolge der Vollbluttherapie bis zum 30.Tag nach dem Unfall demonstriert. Aufgrund der großen Heterogenität der Studien und dem Studiencharakter muss diese Evidenz jedoch vorsichtig interpretiert und auf die amerikanischen Versorgungsstrukturen angewandt werden. Die Autoren folgerten, dass aus den Ergebnissen eine selektive Implementierung der Vollblutvorhaltung in zivilen Traumazentren mit einem hohen Anteil an Massivtransfusionen gerechtfertigt werden könne, -allerdings geknüpft an eine hohe Wahrscheinlichkeit im individuellen Fall für Massivtransfusion, an Konzepte der raschen Erstversorgung mit Vollblut und ebenso raschen Anpassung an die Komponententherapie bei Verfügbarkeit und eine fortwährende weitergehende Evaluation des Vollblut-Effekts. 

Letzteres kann nur sinnvoll sein, ebenso wie grundlegende Neuevaluation bei der Adaption auf deutsche Verhältnisse, die doch in vielen Aspekten grundlegend differieren.

Nachtrag: Diese kritische Haltung gegenüber der Notwendigkeit von Vollblut wird darüberhinaus gestützt durch eine ganz aktuelle RCT- Studie aus Cambridge: 2 Einheiten Vollblut waren in der britischen Luftrettung nicht effektiver als Komponenten(2 EK und 2 FFP)zur Vermeidung von Tod oder Massivtransfusion. Siehe auch Swift Trial Smith JE et al. Prehospital Whole Blood in Traumatic Hemorrhage - a Randomized Controlled Trial. N Engl J Med. 2026 Mar 17. doi: 10.1056/NEJMoa2516043

 

Pubmed

 

 

Für Sie gelesen von Th. Frietsch 

 

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